Parkinsongruppe
Bad Mergentheim
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Bis jetzt, nach drei Jahren seit der Diagnosestellung, habe ich es immerhin schon auf 12 Tabletten pro Tag gebracht. Früh um 8 Uhr geht es los, wenn mein zum Tablettenwecker umfunktioniertes Handy anfängt zu singen. Da sind die ersten beiden Tabletten fällig. Danach geht es zügig weiter, alle drei Stunden schreit das Handy bis abends 23 Uhr. Dann habe ich wieder Ruhe bis 8 Uhr. Das ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ich kenne Patienten, die es mühelos auf 20 und mehr Tabletten bringen. Wie dem auch sei, ich muß auf mich selber achten, ich neige nämlich zur Nachlässigkeit. Wenn das Handy schreit, muß ich sofort alles stehen und liegen lassen und umgehend meine Trips einwerfen, sonst vergesse ich sie. Dann gerate ich in Verzug, denn 3 Stunden später ist ja schon die nächste Einnahme fällig, und das ist wieder ein anderer Medikamenten-Cocktail als der vorhergehende und paßt vielleicht nicht zum jetzigen. Dann muß ich die Folgeeinnahmen um drei Stunden schieben, damit ich wieder in die Reihe komme.
Verspätete oder versäumte Einnahme hat nämlich böse Folgen, die ich selbst schon erlebt habe.: Eines Nachts hatten wir gerade unsere Canasta-Runde bei der Schwägerin beendet und machten uns etwa gegen 1.30 Uhr auf den Heimweg. Ich war noch nicht aus dem Hof gefahren, da rief meine Frau schon : "Halt, wo fährst du denn hin? Rechts mußt du fahren!" Ich dachte mir noch: was will sie denn? Ich kenne doch den Weg. Aber da rief sie schon wieder: "Ulrich, jetzt links, oder willst du den Holzstoß um fahren?"
Und plötzlich erkannte ich, daß ich völlig orientierungslos war. Ich hatte keine Ahnung, wo wir waren, und ich wußte nicht mehr, wie wir nach Hause kamen.
Aber meine Frau hatte Alkohol getrunken, weil es abgemacht war, daß ich uns heimfahre. Sie wäre durchaus noch fahrtüchtig gewesen, aber das Risiko, in eine Kontrolle zu geraten, war zu groß. Also fuhr ich weiter, jetzt aber genau nach den Anweisungen meiner Frau, und wir kamen gut zu Hause an. Als ich in der Garage aus dem Auto stieg, wußte ich zwar, daß wir jetzt daheim waren, aber ich stellte gleich fest, daß mit mir etwas nicht stimmte: Ich hatte Haluzinationen, hörte Stimmen, die es nicht gab, am Gesichtsfeldrand stürmten schattenhafte Gestalten auf mich ein, daß ich unwillkürlich abwehrend den Arm hob. Und ich sah alles doppelt. Leblose Gegenstände bekamen plötzlich ein Eigenleben und bewegten sich auf mich zu! Es folgte eine schlaflose Nacht.
Am Morgen rief ich meine Hausärztin an und schilderte ihr, was in der Nacht geschehen war, sie schickte mich gleich zum Neurologen, "ud zwar sofort, Herr Kelhetter. Egal, ob Sie morgen sowieso einen Termin bei ihm haben, es ist jetzt wichtig, daß Sie gleich hingehen. Ich melde sie schon an." Der Neurologe schob mich auch sofort vor allen anderen Patienten ein und hörte sich meine Geschichte an. Dann änderte er die Medikation, zwei Medikamente setzte er sofort ab und ersetzte sie durch zwei andere. Ich mußte zwei wochen lang täglich bei ihm erscheinen und Bericht erstatten.

Fast schlagartig ging es mir besser. Die Haluzinationen hörten auf, auch hörte ich keine Stimmen mehr, die Angreifer am Gesichtsfeldrand blieben auch weg und tote gegenstände blieben wieder tot.
Nur die Doppelbilder sind mir erhalten geblieben. Dafür bekam ich vom Augenarzt eine Brille mit eingearbeitetem Prisma, das den ausinander driftenden Focus wieder zusammenführen sollte. Das funktioniert auch, aber das Prisma läßt sich nicht in eine Gleitsichtbrille einbauen, sodaß ich jetzt wieder zwei Brillen habe, fern und nah, die ich dauernd wechsln muß.
Das schlimmste aber ist: Ich darf seitdem nicht mehr Auto fahren, und dieser Verzicht fällt mir verdammt schwer.

Wie die Faust aufs Auge paßt hierzu das folgende Gedicht, das ich im Paol Portal fand. Allerdings ist mir der autor nicht bekannt, ich bringe es deshalb rein juristisch formuliert als Zitat:

Mein James, der heißt Parkinson

Meine Bewegung
hat alle Zeit der Welt.
Die Uhr ist ausschließlich
nach James gestellt.

Mein Fuß am Boden
ist wurzeltief
mit dem Erdreich verwoben,
standfest wie James.

Mein Wortgeflüster
auf leisen Sohlen
klingt wie gestrandete Sprache,
hat James befohlen.

Mein Gesicht ist so steif.
Es wirkt eingefroren,
als hätt es für immer die Mimik verloren.
Das kommt von James.

Werden Arme und Beine
vom Zittern geschüttelt,
dann sind sie dank James
durcheinander gerüttelt.

Mein James, der heißt Parkinson

Meine Bewegung
hat alle Zeit der Welt.
Die Uhr ist ausschließlich
nach James gestellt.

Mein Fuß am Boden
ist wurzeltief
mit dem Erdreich verwoben,
standfest wie James.

Mein Wortgeflüster
auf leisen Sohlen
klingt wie gestrandete Sprache,
hat James befohlen.

Mein Gesicht ist so steif.
Es wirkt eingefroren,
als hätt es für immer die Mimik verloren.
Das kommt von James.

Werden Arme und Beine
vom Zittern geschüttelt,
dann sind sie dank James
durcheinander gerüttelt.

Mein James, der heißt Parkinson.
Er hält niemals still,
statt dessen macht er mit mir
tagein, tagaus, was er will.

James hat in mir eine Heimat gefunden
Er ist mit mir symbiotisch verbunden
Er teilt mit mir jeden Schritt und Tritt
Er geht - wohin ich auch gehe - mit.

So geh ich durchs Leben von James begleitet
Mein Wissen und Fühlen durch James geweitet.
Doch attackiert er mich einmal zu sehr
So halte ich meine Stirn ihm her.

 

n Wortgeflüster

auf leisen Sohlen
klingt wie gestrandete Sprache,
hat James befohlen.

Mein Gesicht ist so steif.
Es wirkt eingefroren,
als hätt es für immer die Mimik verloren.
Das kommt von James.

Werden Arme und Beine
vom Zittern geschüttelt,
dann sind sie dank James
durcheinander gerüttelt.

Mein James, der heißt Parkinson.
Er hält niemals still,
statt dessen macht er mit mir
tagein, tagaus, was er will.

James hat in mir eine Heimat gefunden
Er ist mit mir symbiotisch verbunden
Er teilt mit mir jeden Schritt und Tritt
Er geht - wohin ich auch gehe - mit.

So geh ich durchs Leben von James begleitet
Mein Wissen und Fühlen durch James geweitet.
Doch attackiert er mich einmal zu sehr
So halte ich meine Stirn ihm her.

 

Gestern hat mir Sir James einen bösen Streich gespielt:

Fünf Mitglieder unserer dPV - Regionalgruppe, sowie unsere Gymnastiktherapeutin waren einer Einladung des SWR 4 - Radios gefolgt, auf der Tauberfranken - Ausstellung in Bad Mergentheim in Interviews über die Parkinson-Krankheit und unsere Gruppenarbeit zu informieren.

Das Interview dauerte etwa 15 Minuten, und wir stellten unser Funktionstraining und unsere Mal-Therapiegruppe und einige ihrer Bilder vor.

Da ich nicht mehr Auto fahren kann, war ich mit dem Bus gekommen und hatte auch vor, mit dem Bus wieder heimzufahren. Als ich eine zur Bushaltestelle führende Treppe heraufkam, fuhr der Bus gerade die Haltestelle an. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass der nächste Bus erst wieder in einer Stunde fuhr, wollte ich wenigstens so weit rennen, bis der Busfahrer mich im Rückspiegel sehen konnte. - Er sah mich auch, aber er sah mich in voller Größe auf die Straße stürzen. Irgend eine leichte Unebenheit auf der Straße hatte mich stolpern lassen, und ich konnte mich nicht mehr abfangen, ich fiel voll auf die Fresse

Was mir in diesen Sekundenbruchteilen für Gedanken durch den Kopf schossen, lässt sich nicht beschreiben: von „na toll, das ist deine Parkisturz-Premiere, die du so gefürchtet hast“ über

„jetzt ist es soweit; du bist als Parki schon ein Krüppel, nun lass dich auch körperlich zum Krüppel fahren, bleib liegen“, bis zum verzweifelten Aufbäumen: „steh auf, bevor ein Auto dich noch ganz über den Haufen fährt, du kannst es, steh auf!“ Und ich stand auf, humpelte zum Bus und bat den Fahrer, die Sani zu rufen, was er aber bereits getan hatte. Auf seine Frage, ob er mich hier an der Haltestelle allein lassen könnte, sagte ich ihm, ja, er könne seine Fahrt fortsetzen.

Als der Bus weg war, setzte ich mich auf eine Bank und betrachtete mich: Ich blutete wie ein Schwein, eine Folge der langjährigen Einnahme von Blutverdünnern. Meine rechte Gesichtshälfte war von der Schläfe bis zum Backenknochen aufgeschürft und wurde später im Krankenhaus mit fünf Stichen genäht. Meine Brille war nur noch. ein verbogenes Drahtgestell, glücklicherweise waren die Gläser ganz geblieben, sonst hätte ich mir womöglich noch Augenverletzungen zugezogen. Mein rechter kleiner Finger stand in einem unmöglichen Winkel von der Hand ab, das untere Gelenk war aufgerissen und blutete ebenfalls stark. Ich versuchte mit Hilfe von Papiertaschentüchern mich zu säubern, ein hoffnungsloses Unterfangen.

Etwa 15 Minuten saß ich au dieser Bank, bis die Sanitäter kamen. In diesen 15 Minuten fuhren mindestens 6 oder 7 Fahrzeuge vorbei, sahen mich blutverschmiert auf der Bank sitzen, aber keiner blieb stehen, um mir Hilfe anzubieten.! - Armes Deutschland!

Die Sanitäter verbanden mich provisorisch und brachten mich ins Krankenhaus. In der Unfallaufnahme betrachtete eine Ärztin meine Verletzungen. Die Risswunde an der Rechten Schläfe hätten sie gleich hier nähen können, aber mit meinem kleinen Finger müßte ich ins OP.

Mittlerweile durfte ich auch meine Frau anrufen, die in heller Aufregung herkam, wir wohnen nur 5 Minuten vom Krankenhaus. Dann kam der Oberarzt, sein es Zeichens Handchirurg, besah sich meinen Finger und entschied: Keine OP, das machen wir hier in der Aufnahme. Als die Ärztin ihn fragte, wie, da machte er zu ihr eine Handbewegung, die ich nicht gleich deuten konnte, die ich aber im nächsten Moment schmerzhaft zu spüren bekam: Nach dem Kommando „Tief einatmen, Luft anhalten, Zähne zusammenbeißen!“ durchfuhr mich ein rasender Schmerz, und schon war es vorbei: „weiter atmen!“ Er hatte den ausgekugelten Finger auseinandergezogen und wieder ins Gelenk zurückgesetzt.. Ich hätte ihn erschlagen können!

Dann, nach eingeleiteter Lokalanästhesie wurde die abgerissene Sehne wieder zusammengenäht und die offene Wunde mit mehreren Stichen geschlossen. Damit war die Arbeit des Herrn Oberarztes getan, die Assistenzärztin durfte meine Gesichtsverletzung nähen. Fünf Stiche.

Nachdem ich aber auf den Kopf gefallen war und eine Gehirnerschütterung nicht ausgeschlossen werden konnte, musste ich 24 Stunden im Krankenhaus bleiben und meine Frau allein den Heimweg antreten.

Für den Sturz verantwortlich mache ich meinen ständigen Begleiter James. Als gesunder Mensch hätte ich mein Stolpern noch gut abfangen können, oder wäre vielleicht gar nicht gestolpert..

Die Befürchtung einer Gehirnerschütterung bewahrheitete sich nicht, der Nachtpfleger kam in regelmäßigen Abständen und prüfte mit einer Lampe meine Pupillenreflexe. Als ich aber am nächsten Morgen nicht fähig war, mich deutlich zu artikulieren und meine Sprache leicht verwaschen war, wurde noch eine CT angeordnet, die ergab, dass sowohl mein rechtes Schläfenbein verschiedene kleine Risse hatte, als auch mein Nasenbein angebrochen war. Hier bestehe aber kein Handlungsbedarf, das würde von selbst heilen, war die Aussage der Ärzte. Nach kurzer Zeit konnte ich auch wieder normal sprechen und durfte nach dem Mittagessen das Krankenhaus verlassen.

Zu Hause bin ich allerdings jetzt zur Untätigkeit verdammt. Ich trage eine Gipsschiene vom Ellenbogen bis zum kleinen Finger, der 6 Wochen absolut ruhig gestellt sein muss, weshalb man den Ringfinger mit eingegipst hat. Wie tappig du bist, wenn dir zwei Finger fehlen, erkennst du erst, wenn es passiert ist.

Und das alles 10 Tage vor meinem 70. Geburtstag! Das hätte ich nicht mehr gebraucht, Sir James!